Meinung

Zweifel nicht erwünscht: Das ZDF, die "Expertin" und der feste NATO-Glaube

Zweifelst du an der offiziellen Geschichte und meinst, es gebe vielleicht doch Nazis in der Ukraine? Dann behalte deine Zweifel für dich und beichte sie erst einem NATO-Priester. So klingt die letzte Version des ZDF im Kampf gegen "Putin-Propaganda".
Zweifel nicht erwünscht: Das ZDF, die "Expertin" und der feste NATO-GlaubeQuelle: www.globallookpress.com © Felix Zahn

Von Dagmar Henn

Heute live ist eigentlich ein Format, das man getrost übergehen kann; es ist die gleiche Suppe wie für die Großen, aber ein wenig jugendlich zurechtgemacht, was heutzutage vor allem heißt, im Niveau noch etwas abgesenkt.

Und die Sendung unter dem Titel "So will Russland uns manipulieren" war weitgehend auch ein fader zweiter Aufguss der letzten Reportage "Putins Propaganda-Krieger". Daran änderte nichts, dass zwischendrin noch etwas mehr Pia Lamberty zu sehen war als in der ursprünglichen Version. Ganz zum Schluss allerdings gab es einen aufschlussreichen Wortwechsel zwischen dem Moderator und der "Expertin".

"Wie können wir uns schützen vor diesen Narrativen, wenn sie uns im Alltag begegnen, Fake News in die WhatsApp-Gruppen gespült werden, wenn es vielleicht sogar auch am Familientisch diskutiert wird, was gibt es da für Maßnahmen, um sich zu schützen?"

So die Frage des Moderators. Das klingt, als suche man nach einer Maske fürs Gehirn. Sich vor Narrativen schützen? Dahinter steckt eine Vorstellung von Wahrnehmung und Denkprozessen, die überraschend verzerrt ist, aber gleichzeitig durchaus zur Diskursentwicklung der letzten Jahre passt. Als funktionierten Informationen wie Viren, und man könne und müsse eine "Immunabwehr" aufbauen, um nicht von verderblicher Information übernommen zu werden; eine Mischung aus mittelalterlicher Ketzerjagd, Corona-Panik und dem klassischen Science-Fiction-Film "Invasion der Körperfresser" (witzig übrigens, dass Lamberty in der Vorstellung der gedanklichen Kontamination das antisemitische Narrativ nicht erkennt, das sie sonst überall wittert).

Nun ist es nicht so, als gebe es keine Regeln im Umgang mit Informationen. Die allererste ist simpel, allerdings heutzutage dank des Oligopols weniger Nachrichtenagenturen nur noch mühsam einzuhalten: eine Information ist valide, wenn sie von zwei voneinander unabhängigen Quellen bestätigt wird. Dieser Grundsatz ist so einfach, dass man ihn bereits Grundschulkindern beibringen und anhand ganz alltäglicher Erzählungen (hat der Stefan wirklich dem Max Limo in den Ranzen gegossen?) einüben kann. Wollte man tatsächlich Kompetenz im Umgang mit Informationen erreichen.

Danach wird es etwas schwieriger, je unklarer die Verhältnisse sind, über die man etwas wissen will. Denn im Gegensatz zu dem einfachen Schema mit "Information" auf der einen und "Desinformation" auf der anderen gibt es Zwischenstufen. "Vorerst unbestätigt" beispielsweise. Oder Aussagen, die Ergebnis bestimmter Interessen sind. Dann gibt es noch Hypothesen, die manche Situationen erklären könnten, aber nicht wahr sein müssen, die sich schrittweise auf die Zustände "bestätigt" oder "widerlegt" zubewegen.

Da ist man aber schon im Bereich eigener Schlussfolgerungen, und der soll gar nicht erreicht werden. Im Gegenteil, schon der simple Hinweis, ab und zu einmal sich alle Aspekte eines Ereignisses anzusehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Darstellungen vertrauenswürdig sind und welche nicht, erfolgt nicht.

"Ich denke, was wichtig ist, ist, gerade in unruhigen Zeiten, in unsicheren Momenten erst einmal Ruhe zu bewahren. Also, wenn ich jetzt zwei Tage zurückblicke, als es eben die Explosion in Polen gab, da sah man, die sozialen Medien waren voll von Gerüchten, von Spekulationen, zu einem Zeitpunkt, wo eigentlich die meisten Menschen noch gar nicht wussten, was passiert da eigentlich, wie ist die Faktenlage, und was bedeutet das."

Das ist die Antwort von Lamberty, aus dem Video protokolliert; nur, um klarzustellen, dass Satzbau und Sprachniveau wirklich die ihren sind. Wobei der wirkliche Witz an dem von ihr angesprochenen Ereignis eher darin bestand, dass die Faktenlage erstaunlich schnell klar war, wenn man die richtigen Quellen hatte, die meisten Medien in Deutschland aber lange so taten, als wäre dem nicht so. Dennoch, der Hinweis, manchmal einfach abzuwarten, ist ausnahmsweise nicht verkehrt. Aber dann:

"Also, wer kennt sich tatsächlich mit den NATO-Paragrafen aus, was Paragraf 4, was Paragraf 5 bedeutet, ich glaube, das sind sehr, sehr wenige. Und in so 'nem Moment auszuhalten, dass man grade ganz wenig weiß, das ist schon mal ein ganz guter Schritt. Und zu reflektieren, dass man selber auch anfällig ist, dass es nicht nur die anderen sind, die falsche Dinge glauben, sondern dass man auch mal selber auf dem falschen Fuß erwischt werden kann, ist auch schon einmal ein guter Schutz."

Frau Lamberty, es geht hier um das NATO-Statut, und da heißt das nicht Paragraf, sondern Artikel. Wenn Sie weniger bereit wären, "auszuhalten", hätten Sie ihren Rechner nutzen können, um das auf nato.int nachzuschlagen. Während es nämlich etwas komplizierter ist, herauszufinden, was die Charakteristika der Rakete waren, die tatsächlich in Polen eingeschlagen ist, kann jeder, der die Funktionsweise des Internet in Ansätzen beherrscht, die Website der NATO finden und auf dieser selbst den Text des Statuts einsehen.

Von einer Medienwissenschaftlerin, die "Desinformation" zu ihrem Hauptthema erkoren hat, müsste man erwarten, an diesem Punkt zu eigener Recherche aufzufordern. Wenn man wissen will, was Artikel 4 und Artikel 5 bedeuten, beträgt der Aufwand dafür ganze fünf Minuten. Wenn man die fünf Minuten nicht investieren will, ist die Frage auch nicht so drängend.

Statt Unkenntnis selbst zu beheben, was der vernünftige Schritt wäre, rät Lamberty zum Aushalten und fügt dann hinzu, man solle daran denken, auch selbst "auf dem falschen Fuß erwischt" werden zu können. Wie hieß die Parole in "1984"? "Unwissenheit ist Glückseligkeit." Die Rollen sind unverrückbar zugeteilt, und der gewöhnliche Bürger soll sich ins Nichtwissen schicken, bis ihm das angebrachte Wissen verabreicht werden kann.

"Es gibt da auch pädagogische Maßnahmen, es gibt grade so kleine Spiele, die man digital spielen kann, von gemeinnützigen Initiativen, die einem noch mal Strategien mit an die Hand geben, um das besser zu erkennen, das ist so ein Fünf-Minuten-Pausenfüller, sich da einmal richtig vorzubereiten, sich das bewusst zu machen, das finde ich immer ganz wichtig."

Wirklich, sie redet so. Eines der Spiele, die sie meint, findet sich unter getbadnews.de. Es macht nicht wirklich Spaß, es hat auch nichts mit Medienkompetenz zu tun, und auch dieses Spiel wiederholt nur die üblichen Behauptungen, ohne sie zu belegen. Die Memes, die man als angehender Informationsschurke verbreiten soll, sind schlecht erdacht und nicht einmal lustig, und die Strategie, die man als Böser verfolgt, gehört eher zum Stichwort Clickbaiting oder, um es in die Welt der gedruckten Medien zurückzubringen, zum Verkaufskonzept der Bild. Emotionalisieren, übertreiben, … "Was soll das? Wir wollen doch Gefühle wecken. Jetzt ist keine Zeit für Aufklärung" ist einer der im Spiel eingeblendeten Sätze.

Wollte man wirklich dazu beitragen, die Wirksamkeit von Propaganda zu verringern, käme man um Textanalyse nicht herum. Denn emotionalisiert wird oft subtil, durch die Reihung der Information, durch die Wortwahl. Wie wirkt beispielsweise eine Formulierung wie diese? "Zähe Verhandlungen und massive Warnstreiks – nun bekommen die Metaller 8,5 Prozent mehr Lohn und eine Einmalzahlung. Doch hohe Tarifabschlüsse bergen auch das Risiko von Lohn-Preis-Spiralen." Das sind aktuelle Sätze der Tagesschau. Zäh, massiv, und dann das Risiko, während inhaltlich die Entscheidung, dieses Ergebnis hoch zu nennen – man könnte es angesichts der Inflation von über zehn Prozent auch ganz anders bezeichnen – eine klare Richtung vorgibt.

Man kann solche Manipulationen erkennen. Man muss es allerdings üben. Nur – in keinem einzigen Text, keiner Dokumentation über die böse "russische Desinformation" kommt derlei vor. Der naheliegende Grund dafür ist, dass die Fähigkeit, Medientexte kritisch zu bewerten und zu erkennen, wann einem Emotionen untergejubelt werden sollen, natürlich auch bezogen auf die "guten", die westlichen Medien funktioniert und ebendies offenkundig nicht erwünscht ist.

Die vermeintlichen "Strategien", die "schützen" sollen, reduzieren sich darauf, den Medien zu glauben, von denen amtlich behauptet wird, sie seien glaubwürdig. Das geht nun schon seit Jahren so, und scheint nicht aufzufallen … Wirklich interessant wird allerdings das letzte Stück des Dialogs. Und noch einmal, sie sprechen wirklich so.

Der Moderator fragt:

"Und wichtig aber wahrscheinlich auch dann, sich über diese Unsicherheiten und Themen dann auch mit anderen zu sprechen und zu kommunizieren, oder?"

Und das ist die Antwort, die Lamberty gibt:

"Das ja, aber die Frage ist natürlich immer, was ist denn der Ort? Also, ich hab' natürlich in dem Moment auch Fragen, aber muss ich das öffentlich diskutieren, zum Beipiel auf Twitter oder in Facebook, oder kann ich vielleicht auch sagen, hm, ich hab ja gute Freunde oder meine Eltern oder Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, denen ich vertraue, und bespreche das erst mal da? Dass das halt sich nicht noch verbreitet und auch mehr Gerüchte gestreut werden, von Menschen, die vielleicht auch gar nicht so viel Hintergrundwissen haben."

Eingedeutscht lautet das: Wenn dich Zweifel am NATO-Narrativ überkommen, wende dich an zugelassene Autoritäten, denn auch die Zweifel dürfen nicht verbreitet werden. Die ältere Form lautet, wenn du an Gott zweifelst, wende dich an einen Priester.

Das ist kein rationales Verhalten mehr, denn selbst die völlig normale Reaktion, über Dinge, die einen irritieren, mit Freunden zu sprechen, wird bereits tabuisiert und durch einen Verweis auf die Hierarchie ersetzt, die eine Wahrheit zuteilen soll. Womit das Bild der Ansteckung, oder eher der Ketzerei, das zu Beginn dieses Dialogs auftauchte, wieder aufgegriffen wird.

Die Vernehmungen der der Hexerei beschuldigten Frauen durch die Inquisition kreisten vor allem darum, mit wem sie Umgang gehabt hatten, da jede andere Frau, die der Beschuldigten nahe stand, automatisch auch in Verdacht geriet. Zweifel an den vorgegebenen Glaubenssätzen wurden, sofern sie außerhalb des klerikalen Umfelds vorgebracht wurden, grundsätzlich als Einstieg in die Ketzerei gesehen, und Ketzer müssen brennen.

Wer die Kirchengeschichte kennt, weiß, dass einige der großen Ordensgründer diesem Schicksal nur haarscharf entronnen sind, Franz von Assisi beispielsweise und Ignatius von Loyola. Die Aufklärung veränderte die Sicht auf den Zweifel und erkannte ihn als Motor des menschlichen Fortschritts. Es ist einzig der geschulte Zweifel, der tatsächlich vor Propaganda schützt; aber Zweifel ist in einem Umfeld, das immer stärkere Züge einer religiösen Bewegung annimmt, unerwünscht. Ein Glaube mit NATO-Sternen in Regenbogenfarben, dessen Anhänger schon das Holz für die Scheiterhaufen sammeln.

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