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Haben Russlands Streitkräfte tatsächlich "Patriot"-Luftabwehrsysteme zerstört?

Experten streiten sich darüber, ob es Patriots oder S-300 waren, die das russische Militär bei Pokrowsk zerstört hat. Diese Diskussion ist jedoch zweitrangig vor dem Hintergrund der enormen Arbeit, die der Inlandsgeheimdienst bei der Jagd auf die Luftabwehrsysteme der Ukraine geleistet hat.
Haben Russlands Streitkräfte tatsächlich "Patriot"-Luftabwehrsysteme zerstört?Quelle: RT © Verteidigungsministerium der Russischen Föderation

Von Aljona Sadoroschnaja

Das russische Verteidigungsministerium meldete am Sonnabend die Zerstörung eines S-300-Luftabwehrsystems in der Nähe von Pokrowsk im ukrainisch besetzten Teil der Volksrepublik Donezk durch Iskander-M-Raketen. Ein von einer russischen Aufklärungsdrohne aufgenommenes und auf dem Telegramkanal des Ministeriums veröffentlichtes Video zeigt Fahrzeuge des ukrainischen Komplexes, die am Rand einer Waldlichtung aufgestellt waren und dort von dem Raketeneinschlag überrascht wurden.

Bei der Auswertung der Aufnahmen stellte sich schnell heraus, dass nicht nur S-300, sondern auch Patriot-Abschussrampen aus amerikanischer Produktion zerstört wurden. Dies berichtet unter anderem RIA Nowosti unter Berufung auf Quellen in den Sicherheitsdiensten. Nach den vorliegenden Daten könnte es sich um die Zerstörung gleich mehrerer Systeme der ukrainischen Luftabwehr gehandelt haben.

Bald meldeten auch ukrainische Massenmedien das Ereignis. Es wird dort behauptet, dass sich die Anlagen 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt befanden. Gleichzeitig erklärte die Wochenzeitung Strana, dass "die Luftabwehrsysteme der ukrainischen Streitkräfte zur Bekämpfung russischer Flugzeuge, die KABs abwerfen, gezwungen sind, sich an die Frontlinie zu begeben, was sie in die Todeszone bringt".

Vor diesem Hintergrund sprachen ukrainische Militärexperten von Verrat in der Armee, da sie glauben, dass jemand aus den eigenen Reihen die russischen Soldaten über die Route der Patriots informiert haben könnte. Der Spezialist für militärische Kommunikation Sergei Beskrestny, bekannt als "Sergei Flash", äußerte sich ebenfalls zur Zerstörung der Patriots.

Ihm zufolge gibt es nur wenige solcher "umherstreifenden" Komplexe, sodass es für die russischen Streitkräfte sehr einfach ist, sie zu beseitigen. "Flash" betonte, dass vermutlich "der GRU und möglicherweise auch Verräter im Spiel sind", da es unmöglich ist, Patriot-Raketen 50 Kilometer von der Front entfernt zufällig mit einer Drohne aufzuspüren, wo doch bei ihrer Verlegung große Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden.

Der Forbes-Kolumnist David Axe weist in seinem Artikel darauf hin, dass die AFU "infolge einer einzigen Katastrophe" bis zu 13 Prozent der Patriot-Raketen verloren habe.

Der deutsche Journalist Julian Röpcke kritisierte das Vorgehen des ukrainischen Militärs. Auf seiner Seite im sozialen Netzwerk X (vormals Twitter) schrieb er, die ukrainischen Streitkräfte hätten die Systeme zu nah an der Front platziert – "weniger als 40 Kilometer von der Frontlinie entfernt in einem Abstand von weniger als 10 Metern zueinander". Außerdem seien die Anlagen lange genug dort gewesen, um den russischen Streitkräften das Zielen und Abschießen der Raketen zu ermöglichen. Röpckes Fazit lautet: 

"Dafür gibt es keine Worte."

Russische Experten sind der Meinung, dass die Ausschaltung eines so wichtigen Ziels dank der gut koordinierten Arbeit der Geheimdienste und der verkürzten Zeit für die Analyse der erhaltenen Daten möglich war. Außerdem sei der Verlust der Patriot-Systeme (falls diese Information offiziell bestätigt wird) ihrer Meinung nach ein schwerer Schlag für das Image Washingtons.

Die Situation veranschaulicht perfekt, wie effektiv die bestehende Strategie der "Jagd auf SAMs", das heißt auf die Flugabwehrraketen (surface-to-air missile, SAM), ist, zeigt sich der Militärexperte Boris Roshin überzeugt. Roshin (auch bekannt als "Colonelcassad") schreibt auf seinem Telegramkanal:

"Der Generalstab äußert sich überhaupt nicht dazu und zieht es vor, seine Arbeit im Stillen zu erledigen. Aber die Strategie funktioniert. Daher die große Anzahl Videos von der Ausschaltung sowjetischer und westlicher Systeme."

Der Analyst erinnert auch daran, dass es in den vergangenen Wochen Berichte russischer Piloten gab, die auf die aktive Arbeit von Luftabwehrsystemen hinwiesen. Der Feind begleitete dies mit einer Medienkampagne und gefälschten Aussagen über abgeschossene Su-34, die selbst der Westen dementieren musste.

"Die beste Antwort auf diese Berichte von der Front und die Propaganda des Feindes ist die Zerstörung der Komplexe, die unsere Flugzeuge beschossen und sie angeblich – zumindest in der ukrainischen Propaganda – abgeschossen haben. Und hier ist ein solcher Schlag gegen den Propagandabrei", so der Experte.

Roshin zufolge sollten die Aufklärer und Raketenschützen, die die SAMs zerstört haben, mit staatlichen Auszeichnungen bedacht werden. Ebenso die Mitarbeiter des Generalstabs, die den Feind in eine Situation gebracht haben, in der er extrem teure westliche SAMs riskieren musste, um die Lage an der Front zu retten, so der Analyst abschließend.

Alexander Kots, Militärkorrespondent der Komsomolskaja Prawda, schreibt auf seinem Telegramkanal:

"Zwei wichtige Punkte sind erwähnenswert. Erstens haben sich unsere Fähigkeiten zur Luftaufklärung erheblich verbessert. Trotz der Gegenmaßnahmen gegen die elektronische Kriegsführung können wir den Feind in einer Entfernung von mehreren Dutzend Kilometern vom LBS aus beobachten. Und wir können eine qualitativ hochwertige objektive Kontrolle durchführen.

Zweitens hat sich die Zeit für die Übermittlung des Befehls zum Abschuss von Hochpräzisionsraketen drastisch verkürzt. Wir treffen die Luftabwehr fast im Vorbeimarsch. Ich bezweifle, dass diese Fahrzeuge stundenlang an einem Ort standen und darauf warteten, getroffen zu werden. Das bedeutet, dass die Entscheidung in kürzester Zeit getroffen wurde. So sollte es auch sein."

Der Militärexperte Alexander Bartosch erklärte gegenüber der Zeitung Wsgljad, dass die Zerstörung der Luftabwehrsysteme auf dem Marsch ein Indikator für eine qualitative Verbesserung der russischen Aufklärung sei. Höchstwahrscheinlich handele es sich um die integrierte Arbeit mehrerer Arten von Nachrichtendiensten, darunter Agenten, Funkelektroniker und Luftaufklärer. Es sei diese Art von Teamarbeit, die den Erfolg ermöglicht hat, betont Bartosch.

In diesem Fall sei es auch angebracht, von einer Verkürzung der Entscheidungszeit zu sprechen. Der Patriot-Komplex ist in der Lage, recht schnell in Stellung zu gehen, zurückzuschießen und den Standort zu verlassen.

"Unser militärisches Kommando hat offenbar die Koordinaten erhalten, die Daten umgehend analysiert und den Befehl zur Zerstörung des Ziels ohne Verzug gegeben", lobt der Experte.

Der Verlust der Komplexe bedeute so oder so einen schweren Verlust für die Verteidigungsfähigkeit der ukrainischen Streitkräfte. Kiew verfüge nur über wenige Systeme dieser Art. Die Beseitigung der Anlagen werde die Raketenabwehr und die Luftabwehr der ukrainischen Armee erheblich beeinträchtigen. Die Beschaffungskosten für diese Komplexe sind nicht gerade gering. Es werde also nicht einfach sein, neue zu kaufen, meint der Analyst.

Der Amerikanist Malek Dudakow wiederum stellt auf seinem persönlichen Telegramkanal fest, dass die wahrscheinliche Zerstörung der "Patriots" in der Ukraine ein schwerer Schlag für die US-Militärmaschinerie sei:

"Die amerikanischen Luftabwehrsysteme haben in den letzten Monaten im Überlastungsmodus gearbeitet. Das Pentagon musste sechs Patriot-Batterien in den Nahen Osten verlegen, um seine Stützpunkte zu schützen."

Es gebe 60 Patriot-Batterien, die den Himmel über den Vereinigten Staaten schützen, und sie werden nicht aus dem Dienst genommen. Daher war das Pentagon gezwungen, eine Batterie aus Japan nach Europa zu schicken – als Ersatz für die deutschen Systeme, die in der Ukraine verloren gegangen sind, erklärt der Analyst.

Nach Angaben des Amerikanisten dauert die Herstellung einer einzigen Batterie, die etwa eine Milliarde Dollar kostet, mehrere Jahre, die verwendeten Raketen kosten jeweils vier Millionen Dollar. In der Ukraine verschwendet man sie für den Abschuss von Drohnen, die "ein paar Euro" kosten. Obwohl es den USA gelungen ist, die Zahl der hergestellten Sprengköpfe auf 500 Stück pro Jahr zu erhöhen, wird ein solcher Jahresvorrat in der Ukraine in ein paar Tagen verbraucht, erläutert Dudakow.

Er erinnert auch daran, dass das russische Militär vor etwa einem Jahr einen der Patriot-Komplexe in der Nähe von Kiew beschädigt hat, und zeigt sich zuversichtlich, dass auch die Raketenvorräte der Ukraine für die Anlagen bald zu Ende gehen werden.

"Es ist unwahrscheinlich, dass neue Batterien an die Ukraine geliefert werden – sie sind ein zu knappes Gut. Und der Verlust von Patriot wird ein starkes Argument für die Isolationisten in den Vereinigten Staaten sein, die fordern, dass in der Ukraine nichts mehr verbrannt wird", ist sich Dudakow sicher.

Dabei ist die Diskussion darüber, welche Systeme genau bei Pokrowsk zerstört wurden, zweitrangig. Die Hauptsache ist, dass die Jagd auf ukrainische Luftabwehrsysteme ein neues Niveau erreicht hat.

"Das erlaubt uns, die Luftwaffe aktiver zu nutzen, um Raketen- und Bombenangriffe auf feindliche Stellungen zu fliegen, ohne Vergeltungsmaßnahmen befürchten zu müssen", fügt Alexander Bartosch abschließend hinzu.

Übersetzung aus dem Russischen

Mehr zum Thema - Forbes: Ersatz für zerstörte Patriot-Systeme der Ukraine könnte Jahre brauchen

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